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Die magische Feder

 

 

Gestern war mal wieder so ein Tag. Ein Samstag, der unverhofft doch ein freier Tag geworden war. Ich liebe solche Tage, für die man ursprünglich einen Plan hatte, und dann kommt doch alles anders. Plötzlich ist der Tag planlos, frei zur eigenen Gestaltung. Ein wenig Freiraum der mit allem gefüllt werden kann, auf was man gerade Lust hat.

Am Abend zuvor hatten wir bis in die Nacht hinein einen wunderbaren Singkreis, der bis in die frühen Morgenstunden hinein vibrierte. Ich fühlte mich noch beschwingt, frohen Mutes, und doch seltsam schwer an diesem Tag. Nichts von alledem was ich mir darauf hin vorgenommen hatte, wollte so richtig gelingen.

Irgendwann gab ich auf, und griff nach einem Buch, das ich schon lange nicht mehr in den Händen gehalten hatte. Es lag seit Monaten, mitsamt einigen anderen geduldig wartenden Büchern, langsam einstaubend neben meinem Bett. Ein guter Freund gab es mir einst, ein sehr besonderer Mensch, den wir liebevoll den Chiemsee-Indianer nennen. Ich danke dir dafür.

Rückkehr zur Schöpfung. Geschrieben von Manitonquat, Medicine Story – ein Ältester, Geschichtenerzähler und Hüter des alten Wissens, der viele Jahre seines Lebens damit verbrachte, den Menschen u.a. in den zahlreichen Circleway Camps die ursprünglichen Weisungen und die Kreiskultur wieder näher zu bringen. Ein Weg, um mit der gesamten Schöpfung in Frieden leben zu können.

Vor einigen Wochen, auf der German Kula Celebration, erfuhr ich, dass er sich aus gesundheitlichen Gründen von den diesjährig geplanten Camps, auch in Deutschland, zurück gezogen hatte, und vorerst in die USA zurück kehrte. Wir sangen ein Lied für ihn, und schickten ihm unsere Energie.

Ich las und las. Und obwohl ich viele Kapitel des Buches schon einmal gelesen hatte, las ich sie noch einmal. Und dieses Mal schienen mich die Worte des alten Mannes noch viel mehr zu berühren, als sie es je taten. Ich sog seine Erfahrungsberichte und Geschichten förmlich auf, und fühlte mich auf tiefe Art und Weise darin bestätigt, und irre inspiriert, den Weg des Kreises weiter zu beschreiten und in all seinem Dimensionen zu erfahren und erforschen.

Ich hatte den Kreis bereits in meiner vorherigen Gemeinschaft, in Oberode, als machtvolles Instrument kennengelernt. In Form von Befindlichkeitsrunden schaffte er es zuverlässig immer wieder, uns Individuen, die im Alltagsgewusel natürlicher Weise immer wieder weiter auseinander driften, um ihren eigenen Dingen nachzugehen, wieder zusammenzubringen.
Er schaffte es, uns zu verbinden. Uns mitzuteilen. Zu öffnen, zu vertrauen und dadurch zusammen zu wachsen. Die Magie wieder herzustellen. Die Liebe.

Dort durfte ich so vieles lernen. Meine ersten heiligen Lieder. Singen im Kreis. Rituale am Feuer. Jahreszeitenfeste. Medizinräder und Visionssuchen. Wie wichtig es für eine Gemeinschaft ist, und allgemein im Leben, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und zu kommunizieren. Richtig zu kommunizieren.
Auch heute noch, oftmals, wenn ich an einem Feuer sitze, und es wird gesungen, sehe ich eure Gesichter im warmen Schein der Flammen im Kreis sitzen. Eine Verbindung, die ich für immer in mir tragen werde. Ich danke euch dafür.

Der Tag verging, und bevor es dunkel wurde, unterbrach ich meine Lesereise, um noch einmal mit meiner Hündin Kaya raus zu gehen. Die gesamte Zeit lag sie entspannt bei mir, und begann nun doch eindeutig zu signalisieren, dass sie genug hat vom rumliegen und raus möchte. Ich stimmte ihr zu, lag das Buch zur Seite und wir stiefelten los. Den schmalen, verwilderten Weg hinter unserem Hof, den Hügel hinauf, von wo aus man den weiten Blick ins Tal hinunter hat, den Worten des Buches nachsinnend.

Und da lag sie plötzlich. Vor mir auf dem Weg. Eine große, wunderschöne Feder. Rostrot-schwarz gestreift. Ich habe mich irre gefreut, denn schon lange bat ich nach einer Feder für meine Räucherrituale. Ich fühlte mich reich beschenkt und dankte den Spirits für die Gabe. Wir gingen noch eine ganze Weile weiter, über die grünen Hügel des Oberlandes, und sahen dabei zu wie der Tag sich langsam neigte.

Zurück Zuhause konnte ich es kaum erwarten wieder in die Tiefen des Buches zu sinken. Ich räucherte ein wenig, mit Nelken und Piment, und kochte einen Tee. Es war nun dunkel, und mein Zimmer verwandelte sich in eine urgemütliche Höhle. Als ich das Buch erneut aufschlug, blieben meine Augen sofort an dem Titel des ersten Kapitels hängen – Die magische Feder.
Ich kann es kaum beschreiben, dieses Gefühl, das in jenem Moment durch meinen Körper rauschte. Es war wohl eine Mischung aus Glück, Verbundenheit, Ehrfurcht und Dankbarkeit.

Am nächsten Tag stand unser monatliches Plenum im großen Kreis bevor. Großer Kreis bedeutet bei uns, dass zu uns derzeit fünf festen Gemeinschaftsmitgliedern auch unsere zwei „externen“ Frauen dazu kommen, die nur zweitweise bei uns sind. Einer der wenigen Tage, an denen wir alle zusammenkommen. Das ist jedes Mal ein ganz besonderer Tag für uns, und wir feiern ihn daher immer indem wir alles schön aufräumen, gemütlich machen, bei Bedarf den Holzofen einschüren, und ein leckeres Essen zaubern. Dieses Mal hatten wir auch vor, unseren im Frühjahr gehaltenen Visionskreis noch einmal zu besprechen. Wo stehen wir nun, in der Mitte des Jahres, was haben wir schon erreicht, wo wollen wir hin. Die Kerze in der Mitte des Kreises wurde angezündet.

Ich hatte das Bedürfnis mein wundersames Erlebnis vom Vortag im Kreis zu teilen, das Buch war dabei, und die Feder auch. Ich las das Kapitel der magischen Feder vor, und erzählte die Geschichte von Epinow, dem Häuptling, der die magische Feder in seinem Haarschmuck trug. Eine Geschichte die davon erzählt, dass wir die Wahl haben, und uns entscheiden müssen, immer und immer wieder, welche Art von Leben wir leben wollen, welche Welt wir zusammen erschaffen wollen.

Erst in diesem Kreis erfuhr ich davon, dass Medicine Story gestern im Kreise seiner Familie und Liebsten von uns gegangen ist. Er hat uns allen ein reiches Erbe hinterlassen.
Ich danke dir dafür.

Auf mehreren Ebenen hat diese Feder so viel Bedeutung für mich. Alles deutet darauf hin, dass es die Steuerfeder eines roten Milans ist. Und während ich das schreibe, steigen mir die Tränen in die Augen. Der rote Milan begegnete mir zum aller ersten Mal in meiner alten Gemeinschaft in Oberode, von der ich in die Kreiskultur eingeführt wurde. Er war bei mir, auf meiner ersten Visionssuche, draußen, in der Natur. Er flog ganz tief über mir, so dass ich sein rot glänzendes Gefieder sehen konnte, und seine Augen. Seitdem fühle ich mich jedes mal, wenn er wie aus dem Nichts am Himmel über mir auftaucht, ganz tief in mir erinnert. Er sagt mir: du bist auf dem richtigen Weg.

Wenn ich das so schreibe, fühlt es sich an als würde es sich um eine ferne Geschichte handeln, die jemand einmal erzählt hat. Aber sie ist wahr! Die Feder liegt hier, neben mir. Als ob sie das unterstreichen wollen würden, fliegen just in dem Moment als ich vors Haus trete um die Feder für den Blog zu fotografieren, gleich drei Milane über uns. Schreien, zanken ein wenig, landen auf der Wiese neben dem Haus, und fliegen weiter.
Es ist meine kleine Geschichte.
Ich danke dafür!

Walk in Beauty

 

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